beat sterchi
Pfarrer Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf





Jeremias Gotthelf alias Albert Bitzius ist einer der wenigen Autoren, die man nicht zu lesen braucht und doch mindestens so etwas wie eine Ahnung von ihm hat. Unter Gotthelf verstehen alle irgend etwas.
Oft hat dieser Gotthelf aber nichts mehr mit seinem Werk zu tun. Mit dem allerneusten Medienerfolg legt sich abermals ein Schub gesamtschweizerische kultivierte Sympathie für den grossen Dichter über ihn. Unser Gotthelf! Wie gut, dass es ihn doch gibt!
Es gibt aber kaum etwas so Unschweizerisches wie diesen Jeremias Gotthelf alias Albert Bitzius. Man reduziert, zähmt, verharmlost ihn, stellt ihn als Bauerndichter hin und fragt sogar, ob man seine Werke heute noch lesen könne. Dabei ginge es ihm heute ungefähr so wie einem Niklaus Meienberg. Vor 150 Jahren war Gotthelf alles andere als harmlos und populär.
Es besteht zwar kein Zweifel, dass er als Pfarrer, Familienvater und Schulkommissionspräsident eine ziemlich normale, zivilisierte und umgängliche Person darstellte, aber unschweizerisch konsequent kämpfte er für seine Ideale und Überzeugungen. Er hat sich mit Behörden angelegt und hat immer wieder ausgesprochen, was niemand hören wollte. Er schrak nicht davor zurück, jedes Kind beim Namen zu nennen.
Als Literat war er gar ein unschweizerischer Extremist. Allein die Ausmasse seines Werkes sind eigentlich eines Kleinstaatlers unwürdig. Tüchtig sein ist wohl eine Schweizerische Tugend, aber doch bitte nicht gerade soooo tüchtig! Und wer immer wieder auffällt, bis nach Berlin seine Bücher verkauft, der gerät in den Verdacht, das hier vorherrschende gesunde Mittelmass der bürgerlichen Gesellschaft sprengen zu wollen.
Dazu kommt noch diese absolut unschweizerische Eloquenz, diese für helvetische Verhältnisse geradezu perverse Äusserungswut. Dieser Mitteilungszwang, dieses permanente Angehen gegen die Verkleinungssucht. Sein Wort. Dann auch noch diese so schlecht verhüllte Streitlust!
Nein, jede Tugend, die man hier hoch und heilig hält, ist seinem Schreiben fremd. In seinen Werken ist er das schlichte Gegenteil von ordentlich und zuverlässig, er ist auch weder umgänglich, noch zurückhaltend, noch neutral oder kompromissfreudig. Absolut unschweizerisch mischt er sich überall ein, absolut unschweizerisch, weiss er überhaupt nicht auf seinen Mund zu sitzen. Absolut unschweizerisch schreibt er sogar gnadenlos direkt über öffentliche Personen.
Man darf doch bitten!
Besser zu viel gefressen, als zuviel geredet, das ist schliesslich der Massstab, dem sich dieser literarische Megalomane zu stellen hatte.

© BPS

Erschienen im Oltener Tagblatt
Montag, 25. Oktober 2004,