beat sterchi
 




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Wieder bei Hodler.

HIER PASSIERT ES! steht an einer Hauswand hoch über dem Museumsquartier.

Stehe ziemlich lange vor dem Bild «Die Wahrheit».

Zerbrechlich wie sie ist, kommt mir diese Wahrheit vor wie ein aufdringliches Geschöpf. Als könnte man ihr nichts anhaben.

Oh, die Wahrheit!

Da kann man ruhig mal davor die Arme verschränken, sie dann hinter den Rücken nehmen, vielleicht sogar das Smartphone aus der Tasche holen, um sie abzulichten diese Wahrheit, wie des gerade ein Besucher tut.

Hier bin ich! So bin ich! sagt diese Wahrheit hier.

Wäre ja so einfach, mich zu sehen! Aber nein, im Bild wendet man sich ab.

 

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Mittags im Café Eiles zum grossen Mocca eine kleine

Mehlspeise!.

Hat’s gepasst!

Hat gepasst.

Aber dann Probleme mit hemmungslosem Gelächter. Das geht mir heftig auf die Nerven! Dieses Lachen aus Verlegenheit, aus Stumpfsinn, aus Langweile, aus Dummheit, aus Blödheit. Dieses hervorkrachende Gelächter einer Amerikanerin. Ein Lachen ohne Humor! Und das in einem der berühmten Wiener Cafés, wo die grossen und kleinen Schnitzlers….

Wo ist meine Mantel, wo ist mein Hut?

Ich ergreife die Flucht.

 

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Ein Volksfeind von Ibsen.

Bin zurück im Burgtheater.

Ich zeige die Karte vor.

Die Dame beim Aufgang ist streng und blond.

Ist bei mir! sagte sie und mit einem Handzeichen lässt sie mich passieren.

Danke.

Bitte schön, bis später! sagt sie, als müssten wir uns irgendwo wieder begegnen.

Und was man nachher alles liest über die leicht selbstherrlichen Stars an der grossen Burg. Nicht, dass es ein verlorener Abend gewesen wäre, aber es ist entschieden wieder mal nicht drin, was drauf steht!

Und wieder ist es fast immer finster, düster, dunkel, schwarz! Etliches stammt auch von Ibsen, aber eigentlich inszeniert eine in der Szene berühmte Tochter den Text ihres in der Szene ebenfalls berühmten Vaters.

Aber verkauft wird der Etikettenschwindel mit dem Namen Ibsen, was wohl für die Tantiemen besser ist.  

Einmal lässt die Regisseurin die grössten Zwerge, die man sich vorstellen kann und die sie meint, auf die Bühne stellen zu müssen, sich von der Wahrheit abwenden.

Als hätte sie das Bild von Hodler gesehen!

Und für den Nachspann haben sie sogar bei mir abgeschrieben:

Ja, es gibt keine Umwelt! Umweltzerstörung ist Weltzerstörung!

Das sage und schreibe ich schon seit zwanzig Jahren.

 

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Im Café Central setzt die Musik aus.

Der Kellner kommt mit der Karte.

So bitte?

Bitte das Rehbutterschnitzel!

Machen wir sofort!

Er hält den Daumen hoch und als wäre dies ein Zeichen für den Pianisten, setzt die Musik wieder ein.

Hat’s gepasst?

Sehr! danke!

Kaffee vielleicht?

Was Süsses?

Ich winke ab.

Restlos zufrieden?

Dieses Café Central ist ein ausserordentlicher Tempel, der an die Mesquita von Cordoba erinnert. Zweifellos eines der schönsten Lokale, die ich je betreten habe.

Auch draussen auf der Strasse: Nur Tempel, Mausoleen, Burgen. Komme mir vor wie  in der Welt schönster

aller nachts toten Einkaufsstrassen!

 

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Durch die Unterführung der U-Bahn Karlsplatz gehe ich neben drei Spanisch sprechenden jungen Frauen. Sie gehen im Gleichschritt und tragen grosse, schwarze Wollmützen. Eine sagt: Tiene que ver con el clima! Aqui no sale el puto sol!

Das muss mit dem Klima zu tun haben, wenn hier die verdammte Sonne doch nie scheint!

 

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Im Café im Grand Hotel, wo Hodler gewohnt haben soll, höre ich slawische Sprachen. Aber zu mir sagt die Bedienung mit einem freundlichen Lächeln:

Grüss Gott der Herr!

Guten Tag!

Was darf’s denn sein?

Einen kleinen Braunen!

Einen kleinen Braunen?

Gerne!

Der Teppich unter dem edlen Holztischchen ist dick und rot, hier gibt es auch mitten im Winter mannshohe Blumen in prunkvollen Vasen und selbstverständlich steht bei der Drehtür ein Portier in Uniform.

Ein kleiner Brauner für Sie!

Möchten Sie Kuchen dazu?

Danke, nein.

Zeitung vielleicht?

 

 

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In dem Albertina-Museum gehe ich durch die Prunkräume, sehe den berühmten Hasen von Dürrer, bleibe stehen, greife mir an den Kopf, reibe mir die Augen: Was ich in diesem Wien doch schon alles zu sehen bekommen habe!

Und wieder Schiele!

Und Nolde.

Und eine gestürzte Kutsche. Scheuende Pferde in Eis und Schnee!

Auch das hat es mal gegeben.

«Reiseunfall der Erzherzogin Marie-Christine und des Herzoges Albert bei Straubing» heisst das Bild von Johan Christian Brand.

Dann mit dem Lift in die eigentliche Sammlung.

Die Tür schiebt sich auf, gibt den Blick frei auf explodierendes Blau und Rot und Grün und Gelb.

De Vlaminck!

Daneben ebenso bunt André Derain und ebenso lebendig Matisse!

Einmal mehr stellt sich heraus, dass Reproduktionen eben doch nicht mithalten können!

Farbsättigung!

Leuchtkraft!

Wilde Bestien!

Les Fauves!

Dann ein gebannter Blitz von Klee, die Lokomotive von Feininger.

Dazu Giacometti, Brancusi, Malewitsch.

Ich weiss gar nicht, wohin ich schauen soll!

Da:

Paul Delvaux Landschaft mit Laternen.

Ein ruhiges Bild, ein tiefes Bild!

Ein schöner Traum!

 

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Und bei Demel – seines Zeichens K. u. K. Hofzuckerbäcker Wien -  das Gefühl in eine Falle geraten zu sein.

Umkehren hätte man sollen sofort müssen oder bitte können müssen sofort sollen wollen!

Erst kommt mir dieser ganze furnierte Caféhausklimbim auf zwei Etagen überhaupt nicht ehrenwert klassisch oder historisch vor, sondern verstaubt, abgewrackt, abgenützt, ausgeleiert, heruntergekommen wie die Abrisscafés am Markusplatz in Venedig.

Da wurde über Generationen nichts investiert, nichts renoviert und dann macht man auf Geschichte!

Nix gut!

Und die Bedienung:

Wir sind ein Café!

Bitteschön!

Wir haben doch kein offenes Bier!

Nur Flaschen?

Weil ich möglichst schnell raus will, sage ich höflichkeitshalber: Einen kleinen Braunen, bitte!

Und sie:

Eine kleine Braune, bitteschön.

 

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Dann mache ich gleich noch einen Fehler: Beim Dom gehe ich zu einem Würstelstand.

Die «Wienerli» heissen hier «Frankfurter» und sind auch mit Senf und Bier gar nix!

Das schreibe ich zurück im Hotel auf dem Bett, wo ich eben entschieden habe, ruhig zu bleiben, zu lesen und auf weitere, grössere kulturelle Unternehmungen zu verzichten.

Es reicht!

Klar!

Bier aus der Flasche schmeckt einfach nicht!

Hat noch nie geschmeckt. Auch mag ich es nicht, wenn man mir mein Brot anfasst!

Aber da haben wir nach 60 pralle Seiten «Radetzkymarsch». Damit ist der Abend mehr als gerettet.

 

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Schon wieder am Bahnhof kurz vor der Abreise bei der Konditorei Oberlaa.

Wie sagt man, «kleiner Brauner» oder «kleine Braune»? frage ich den Ober, der einen Backenbart trägt.

Ja, die Grammatik! sagt er. Ich bin nicht Österreicher.

Einfach: Espresso mit Milch!

Dazu macht er mir mit den Händen eine Geste der Selbstverständlichkeit.

Nicht wahr?

Er lacht.

Woher sind Sie, wenn ich fragen darf?

Aus Tschechien!

Und für den Zug brauche ich noch eine Zeitung.

Ich zähle der Dame im Presseladen Münzen auf den Ladentisch.

Ob das stimmt?

Ja, das passt!

Wirklich?

Ja, das passt! Habe schon gezählt, sagt sie, während sie das Geld einstreicht.

Also: Bye bye Vienna!