beat sterchi

Der Volksschriftsteller

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Was ist das überhaupt, ein Volksschriftsteller?
Im Irrgarten schwieriger, teils sogar belasteter Begriffe
ist Vorsicht geboten. Unter ‹Volk› kann man
sowohl eine gesamtgesellschaftliche Einheit als
auch, leicht herablassend, das kulturelle Fussvolk
verstehen. Also jene anonyme Masse von Durchschnittsbürgern,
denen meistens nur eine beschränkte
Bildung zugestanden wird.
Und ‹Schriftsteller› ist eine für viele Ohren nicht
mehr ganz zeitgemässe Bezeichnung für einen
schöpferisch mit Sprache arbeitenden Menschen
männlichen Geschlechts. Ob unter den massgebenden
Schriftstellern aller Landesteile der Schweiz
heute einer zu finden wäre, der sich selbst als
Volksschriftsteller bezeichnen würde, muss als
sehr fraglich betrachtet werden. Bei einigen regional
verwurzelten Mundart-Autoren mag dieser
Anspruch zwar bestehen, ihre Bedeutung bleibt
jedoch begrenzt.

2

Ehemals war ein Volksschriftsteller nicht einfach
nur Volksschriftsteller. Ein Volksschriftsteller
war beispielsweise Pfarrer und dazu auch noch
Volksschriftsteller. Oder er war Lehrer und Volksschriftsteller
oder Naturforscher und Volksschriftsteller.
Volksschriftsteller hatten des öfteren hauptberuflich
mit dem sogenannten Volk zu tun. Der
Volksschriftsteller lebte bei und mit dem Volk.
Das heisst, er kannte es. Entsprechend vermochte
der Volksschriftsteller sein Volk umfassend und
treffend darzustellen. Diese Fähigkeit war sein Kapital.
Eroberungen literarischen Neulandes wurden
vomVolksschriftsteller in der Regel weder erwartet
noch gewünscht.

3

Der Volksschriftsteller schaute dem Volk auf den
Mund und hielt ihm einen Spiegel vor. Manchmal
zur reinen Belustigung der Leserschaft, manchmal
auch mit mehr oder weniger offensichtlichen
pädagogischen Absichten. Bei der Darstellung
der Schwächen des Volkes schreckte er oft
nicht vor Derb- und Grobheiten zurück, die in der
für bürgerliche Salons geschriebenen Literatur der
gehobenen Gattungen nicht vorkamen. Es gab
auch Volksschriftsteller, die sich zwar nicht für
das Leben des Volkes interessierten, wohl aber
dessen Geschmack und dessen Bedürfnisse kannten
und entsprechend bedienten. Zu dieser Gattung
gehörte beispielsweise Karl May.

4

Der Volksschriftsteller muss aber keineswegs
anspruchslos, trivial oder gefällig sein. Was den
wirklich bedeutenden Volksschriftsteller ausmachte
und heute ausmachen würde, ist die direkte
Klarheit, die nichts voraussetzt. Um einen Volksschriftsteller
im Buch oder auf der Bühne zu verstehen,
braucht es keinen Code. Die Zugehörigkeit
zu einer bestimmten Schicht, Klasse oder Generation
ist nicht Voraussetzung oder gar Bedingung
zum Genuss seinesWerkes.
Einer der grössten Volksschriftsteller aller Zeiten
ist William Shakespeare. Jedoch nicht, weil er für
das sogenannte Volk geschrieben hätte, sondern
weil ihn auch dieses verstehen konnte, ohne dass
er formale Abstriche machen oder sich gar anbiedern musste.
Auch Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf und
Johann Peter Hebel, um zwei der wichtigsten aus
dem deutschsprachigen Raum zu nennen, waren
grosse Volksschriftsteller, denn sie konnten an
sich amüsante, witzige, manchmal auch spannende
Geschichten erzählen und gleichzeitig höchsten
literarischen Ansprüchen genügen.

5

Besonders auffallend ist, dass in der Schweizer
Volksliteratur im Vergleich zur populären Gegenwartsliteratur
die Arbeit, insbesondere das bäuerische
‹Schaffen›, eine gewichtige Rolle spielte. Das
mag darauf zurückzuführen sein, dass sich in
vorindustriellen Zeiten das Tun und Lassen breiter
Volksschichten ausschliesslich auf ihr Wirken
und Werken von früh bis spät beschränkte. Weil
das Volk viel arbeiten musste, wird auch in der
Volksliteratur entsprechend viel gearbeitet.
Ist bei Gotthelf oder auch bei Simon Gfeller einmal
nicht die Arbeit selbst Teil von Stoff und Thema
einer Geschichte, so ist der Arbeitsalltag doch
jederzeit gegenwärtig und nicht wegzudenken.
Eines der wertvollsten Bücher der Schweizer Volksliteratur,
ja unserer Literatur überhaupt, das wunderbare
Porträt einer kleinen, zwischen Alpweide
und Weinberg imTalboden nomadisierenden Walliser
Gemeinde, Das Dorf auf dem Berg von C. F. Ramuz,
erzählt beinahe ausschliesslich von der Arbeit.
Mit der Beschreibung aller anstehenden Verrichtungen
im Jahreszyklus gelingt Ramuz nicht
nur ein formal bestechend schönes, in jedem Sinn
abgerundetes Buch, wie nebenbei liefert und dokumentiert
er eine Fülle von historischen, soziologischen
und ethnologischen Einsichten auf
jene bestechlich einfach zugängliche, jedoch nie
volkstümlichen Art, wie das nur ein ganz grosser
Volksschriftsteller zu tun vermag.

6

Heute ist die Arbeit in der Literatur auf Vorzeigetätigkeiten
reduziert. Der Bauernroman wurde
durch den Arztroman ersetzt. Lediglich der sozialistische
Realismus versuchte, wenn auch vergeblich,
dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Gegen
die Helden der Scholle haben sich Detektive
und Spione mitsamt ihren arbeitstechnisch exotischen Wirkungsfeldern
durchgesetzt. Die weniger
attraktive Arbeit muss zwar auch heute in grossem
Umfang geleistet werden, als Thema passt sie
aber schlecht in eine Literatur, die bei einem steigenden
Anspruch an ihre Unterhaltungsfähigkeit
nicht mehr über die Gegenwart aufzuklären, sondern
zunehmend von dieser abzulenken hat.

7

Etliche Volksschriftsteller waren auch sehr erfolgreich.
Mit den meisten heutigen Erfolgsautoren
hatten sie aber wenig gemeinsam. Heute fürchten
die Schriftsteller und die Schriftstellerinnen
das Volk wie der Teufel das Weihwasser. Das sogenannteVolk
ist nur mehr selten Gegenstand der
Literatur. An Stelle des Volkes gilt ihre Aufmerksamkeit
vorwiegend dem Individuum, nicht selten
gar ausschliesslich dem Schriftsteller und dem
eigenen Ich. Ganze Segmente und Schichten des
Volkes kommen in unserer modernen Literatur
kaum mehr vor. Auch was dem Volk allgemein
wichtig ist, birgt die Gefahr, volkstümlich zu sein,
in sich und verträgt sich schlecht mit den ästethischen
Ansprüchen, welche die Literatur heute
an sich stellt. Gegenwärtig, möglicherweise aber
auch nur vorübergehend, vermag das Volksvergnügen
Fussball etliche Schriftsteller zu verschiedenen
Arten von literarischen Texten zu inspirieren.
Fast alles, was sonst des Volkes Herz erfreut, wird
als Schreibanlass und zur sprachlichen Erörterung
dem Boulevard und den elektronischen Medien
überlassen.Vielleicht sind die heutigen Nachfolger
des Volksschriftstellers denn auch am ehesten
unter den Autoren der Massenmedien zu suchen.
Sie sind es, die Geschichten für ein breit gefächertes
Publikum erfinden müssen, wenn auch
ohne erzieherischen oder moralischen Auftrag.

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Bei den vielen Volksschriftstellern, die auch
Dorfprediger, Pfarrherren oder Theologen waren,
erstaunt es nicht, dass religiösen Themen in ihren
Texten grosses Gewicht beigemessen wurde. Bei
aller Zugänglichkeit wurden die grossen Fragen,
die in der Literatur immer gestellt wurden, auch
in der Volksliteratur nicht ausgeklammert.
Auch hier unterscheidet sich die Volksliteratur
drastisch von heute populären, mehrheitsfähigen
Büchern. Die ewige, aber schwierige und anspruchsvolle
literarische Gottessuche wird heute
mit an Verantwortungslosigkeit grenzender Augenwischerei
betrieben. Vordergründige Sofortheilsbringerliteratur
erzielt beim Volk zwar gigantische
Auflagen, hat mit der klassischen
Volksliteratur, die es nach wie vor verdient, gelesen
zu werden, aber wenig bis nichts zu tun.

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